Tour de France 2026, Etappe 14 – Teil 2. Hier gehts zu Teil 1

Knapp verpasst – und trotzdem mittendrin

Als wir am Col de Haag ankamen, war die Werbekarawane gerade vorbeigerollt. Knapp verpasst. Wir parkten unsere Räder kurzerhand neben ein paar Kühen auf der Wiese und machten uns zum Straßenrand. Die Fahrer würden zunächst den Grand Ballon nehmen, an uns vorbeifahren und nach der ersten Zieldurchfahrt noch einmal rund 100 km vor sich haben bevor sie den Col de Haag in Angriff nehmen würden.

Platzwechsel auf Anweisung

Die Gendarmerie hatte mit unserem Platz allerdings andere Pläne. Wegen der vielen Camper, die dort standen, mussten wir die Straßenseite wechseln. Die Fahrräder ließen wir bei den Kühen, die das das klaglos zu akzeptieren schienen.

Fahrräder auf einer Wiese auf 1200m Höhe.

Auf der anderen Seite standen die Zuschauer bereits in drei Reihen. Kein Problem: Von der Wiese dahinter ließ sich das Geschehen gut überblicken, ebenso wie die slowenischen Fans, die lautstark Oberkrainer hörten und die Stimmung anheizten. Als die ersten Fahrer vorbei waren, verließen viele der Zuschauer schon ihre Position, um sich für später einen Platz am Col zu sichern. An der Spitze zu diesem Zeitpunkt: Richard Carapaz und Valentin Paret-Peintre. Kurz darauf das große Feld. Nachdem der Besenwagen durch war, zogen auch wir ein paar hundert Meter weiter und bekamen dort schon eine erste Vorahnung, was hier später los sein würde.

Menschenmengen am Berg. TdF 2026, Col de Hag

Warten, Hagel, Grashüpfer

Die Wartezeit war lang. Die Werbekarawane fuhr den Col nicht hinauf, die Straße war schlicht zu eng dafür. Dafür gab es einen kurzen Hagelschauer. Zehn Minuten später schien die Sonne wieder, und wir trockneten unsere Regensachen auf der Wiese und vertrieben uns die Zeit mit den Grashüpfern.

Dann wurde es laut. Sehr laut. Es ist schwer zu beschreiben, aber es ähnelt der Akustik eines Stadions. San Siro oder diese Größenordnung. Die umliegenden Hügel und Berge verstärkten den Lärm noch zusätzlich. Und da kam das gelbe Trikot: Tadej Pogačar. Etwa eine halbe Minute später fuhren Paul Seixas und Isaac del Toro vorbei. Kurz darauf wurde es noch eine Spur lauter. „Lipo, Lipo…“ hallte es über den Pass. Die Verfolger: Jonas Vingegaard, Remco Evenepoel, Juan Ayuso, Florian Lipowitz.

Runter an die Bergwertung

Viele Zuschauer machten sich jetzt schon auf den Weg zum Le Markstein, was, wie wir später herausfanden, mit dem Fahrrad jedenfalls gar nicht ging. Wir hingegen gingen nach unten direkt an die Bergwertung. Besonders die französischen Fahrer verstanden es, die Menge zu animieren. Kevin Vauqulin feuerte die Zuschauer an, noch lauter zu sein. Viele der Domestiquen und Sprinter fuhren mit breitem Grinsen oder ungläubigem Kopfschütteln über den Anstieg. Man sah ihnen an, dass sie die Atmosphäre genauso genossen wie wir.

Abbau in Rekordzeit – und Aufbruch

Als auch hier der Besenwagen durch war und der Himmel immer grauer wurde, entschieden wir uns für den Heimweg. Der Weg zur Siegerehrung am Le Markstein war ohnehin noch gesperrt. Apropos Besenwagen: Unmittelbar nachdem dieser die Bergwertung passiert hatte, begannen die Helfer sofort mit dem Abbau des Wertungsbogens, eine bemerkenswerte Effizienz. Aber ja, das Ding musste auf den LKW und dann weiter zum nächsten Berg. Die Alpen standen ja bevor. Wir blieben noch eine Weile, hatten ein paar nette Gespräche und beobachteten das geschäftige Treiben, bevor wir uns auf den Weg zu unseren Rädern machten, die immer noch brav bei den Kühen lagen.

Der falsche Weg nach unten – und Regen wie aus Eimern

Ich dachte, die Abfahrt würde sich entspannt gestalten. Weit gefehlt. Der Weg war voll von Radfans, die zu Fuß den Berg hinaufgekommen waren – eine endlose Schlange von Menschen, durch die wir uns auf holprigem Untergrund hindurchschlängeln mussten. An einer Abzweigung bog ich links ab, im festen Glauben, dass wir genau so gekommen waren. Wir diskutierten kurz, ob die Umgebung nicht irgendwie anders aussah. Aber unten ist unten, dachte ich, und blieb auf dem Weg.

Es war tatsächlich ein anderer als der Aufstieg. Allerdings auch ein besserer: feiner geschottert, keine groben Brocken, keine unfahrbaren Stellen. Dafür fing es an zu regnen. Nicht so ein zaghafter Nieselregen, nein richtig. Und genau in dem Moment, als wir endlich Asphalt unter den Rädern hatten, schüttete es wie aus Eimern. Der Weg war etwas länger als geplant, aber das machte ja nichts. Zum Glück waren es noch über 25 Grad, der Regen war also wenigstens warm.

Klatschnass, aber glücklich

Und so fuhren wir durch den Guss – irgendwo zwischen Abenteuer und Kapitulation – und kamen völlig durchnässt an unserer Unterkunft an. Zumindest unterhalb der Regenjacke. Der Vermieter empfing uns mit einem Grinsen und fragte, ob wir am Col de Haag gewesen seien. Er hatte die Etappe im Fernsehen verfolgt – und gemeint, das wäre irre gewesen. Das konnten wir nur bestätigen.

Und das Fazit? Ich würde das jederzeit wieder machen!

Veröffentlicht am 11. August 2026
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